Vom stressigen Tierarzt-Studium über die Alpen bis hin zu 7.500 Kilometern quer durch Europa: Leona Kringe (35) sucht auf dem Fahrrad nicht nur das Weite, sondern vor allem sich selbst. Warum der Weg manchmal wichtiger ist als das Ziel und wie man den Mut findet, einfach loszufahren, erzählt die Business-Coachin und Bikepackerin in diesem Porträt.
Der Mut zum Aufbruch
Es gibt diese Momente, in denen man glaubt, alles im Griff zu haben. Und es gibt Momente, da sitzt man allein auf einem Fahrrad, irgendwo zwischen Portugal und Norwegen, und merkt: Der Weg ist noch lange nicht zu Ende.
Leona Kringe kennt diese Momente. Die 35-Jährige ist eigentlich Tierärztin, arbeitet heute in einem Tech-Startup für Tiermedizin und hat sich nebenbei als Business-Coach und Yogalehrerin selbstständig gemacht. Unter dem Namen „Heimatnomadin“ inspiriert Leona Tausende dazu, dem eigenen Körper wieder zu vertrauen. Doch wenn man ihr zuhört, merkt man schnell: Ihre vielleicht wichtigste Lehrmeisterin war die Straße.
Schon 2010 entdeckte sie das Radfahren für sich. Damals, als es noch keine schicken „Bikepacking“-Taschen gab, fuhr sie einfach mit einem schweren Rucksack über die Alpen. Heute ist sie Profi, wenn es um sogenannte „Unsupported“-Touren geht – Reisen, bei denen man komplett auf sich allein gestellt ist.
Die härteste Tour findet im Kopf statt
Ihr bisher prägendstes Erlebnis war der European Divide Trail: Zwei Monate allein von Portugal bis hoch nach Norwegen. Körperlich eine Grenzerfahrung, doch die eigentliche Herausforderung war mentaler Natur.
Leona spricht offen über ein Thema, das im Leistungssport oft tabuisiert wird: Sie litt in der Vergangenheit an einer Essstörung. „Das Rad war für mich auch immer ein Stück weit Kompensation und Flucht“, gibt sie ehrlich zu. Auf der langen Reise durch Europa, allein mit ihren Gedanken, wurde ihr klar: Man kann vor sich selbst nicht davonfahren.
„Ich habe gemerkt, dass ganz viel, von dem ich dachte, es sei geheilt, doch noch da ist“, erzählt Leona. Diese zwei Monate zwangen sie zur Konfrontation. Doch genau darin lag die Heilung. Das Alleinsein auf dem Rad ist für sie heute keine Einsamkeit, sondern eine Form der Selbstfindung. Es ist der Raum, in dem sie Entscheidungen trifft, wächst und lernt, mit sich selbst im Reinen zu sein. Mehr zu der spannenden Tour findest du hier.
Vom Sattel ins Leben: Lektionen einer Mutmacherin
Leonas Wandel von der Getriebenen zur Mentorin ist der Kern ihrer heutigen Arbeit. In ihrem Podcast „Trust – your path of life“ geht es genau darum: Das Vertrauen in den eigenen Körper und den eigenen Weg zurückzugewinnen. Als ausgebildeter Business-Coach nutzt sie diese Erfahrungen, um andere – vor allem Frauen – zu ermutigen.
Ihr Ansatz ist dabei pragmatisch. Als Coach erlebt Leona oft, dass ihre Klienten tief in sich eigentlich schon wissen, wohin sie wollen. Der Wunsch nach Veränderung ist da. Doch zwischen diesem Gefühl und der Umsetzung klafft eine riesige Lücke. Das Problem ist meist nicht fehlender Wille, sondern die schiere Masse an Aufgaben, die sie sich selbst aufladen. Sie glauben, das gesamte Projekt bis ins letzte Detail durchdacht und gelöst haben zu müssen, bevor sie den ersten Schritt wagen dürfen. Diese wahrgenommene Last ist so schwer, dass der Mut weicht und man lieber im gewohnten Unglück verharrt, als an der vermeintlich unlösbaren Aufgabe zu scheitern.
Leonas Gegenmittel nennt sie den „Dominoeffekt des ersten Schritts“. „Der erste Schritt kann winzig sein“, sagt sie. „Aber er muss gemacht werden.“ Es geht ihr nicht darum, sofort alles zu schaffen. Es geht darum, die erste Dominosteine anzustoßen, sei es eine Kündigung, oder die erste kleine Solo-Radtour am Wochenende. Sie beweist: Wir wachsen, indem wir anfangen und Fehler machen dürfen – nicht, indem wir auf den perfekten Plan warten.
Warum 2026 das Jahr ohne Ziele ist
Für das Jahr 2026 hat Leona eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen: Sie hat sich keine festen Ziele gesetzt. Auslöser war ursprünglich ein Unfall im Herbst und der finanzielle Schaden am Rad, der eine langfristige Rennplanung unmöglich machte. Doch statt damit zu hadern, nutzte sie den Moment für eine Grundsatzfrage: Muss das Jahr immer komplett durchgetaktet sein?
Die Antwort ist ein befreiendes Nein. Doch wer glaubt, Leona würde nun die Füße hochlegen, kennt sie schlecht. „Ich trainiere, als hätte ich ein Rennen“, erzählt sie. Einfach, weil ihr die Struktur und die körperliche Anstrengung so viel geben. Sie findet die Erfüllung im täglichen Tun, nicht im einmaligen Event.
Wohin Leonas „ungeplantes“ Jahr sie führen wird? Das verfolgt ihr am besten dort, wo sie am aktivsten ist. Auf Instagram nimmt sie ihre Community mit auf diese offene Reise – ehrlich, ungeschönt und garantiert inspirierend für alle.